Diskriminierung durch Sprache: „Döner-Morde“

17 Nov

Als ich am letzten Sonntag einen längeren Artikel über die sogenannten Döner-Morde gelesen habe, war ich etwas irritiert. Dort waren Fotos aller Opfer mit Namen, Geburts- und Todesdatum sowie Berufsangaben abgedruckt. Irritiert war ich deshalb, weil ich gedacht hatte, alle Opfer wären Dönerbuden-Wirte gewesen. Tatsächlich waren dies aber nur zwei, die anderen waren Kioskbesitzer, Blumenhändler usw. − von Döner keine Spur. Aber acht von ihnen waren gebürtige Türken, einer Grieche. Nun spricht mir ein Artikel von Stefan Kuzmany auf Spiegel-Online („Deutsche und Döner“) aus der Seele: die Verwendung des Begriffs „Döner-Morde“ ist nicht nur irreführend, sondern darüber hinaus diskriminierend.

Kuzmany zufolge wurden alle Opfer „zum Döner gemacht“, das heißt auf herablassende Weise über einen Kamm geschoren. Außerdem wird durch den Begriff das Klischee der Ausländerkriminalität befeuert: wenn eine Vielzahl von Dönerbuden-Besitzern getötet wird, sieht das nach organisierter Kriminalität (Schutzgelderpressung o.ä.) aus − mich erinnert die Terminologie an die „Pizza-Connection“, einen amerikanischen Drogenhändlerring. Laut Interviews mit Angehörigen (z.B. gestern in den Tagesthemen) haben sich ihnen gegenüber wohl auch Vertreter der Polizei entsprechend geäußert, nämlich dass die Opfer vermutlich in die organisierte Kriminalität verstrickt gewesen seien − was die Angehörigen dabei fühlten, kann man sich denken. Daneben sei der Begriff, so Kuzmany, auch mit einer Ausgrenzung von Einwanderen verbunden: den deutschen Zeitungsleser „grusele“ es zwar, wenn er in der Zeitung von der Mordserie lese, aber für ihn sei die Sache doch „schön weit weg“, er selbst sei ja nicht in Gefahr. Bleibt zu hoffen, dass nicht zuletzt der Artikel Kuzmanys zu etwas mehr sprachlicher Sensibilität beiträgt.

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4 Antworten to “Diskriminierung durch Sprache: „Döner-Morde“”

  1. Michael Schieder 17. November 2011 um 20:14 #

    Fabian, Du sprichst mir aus dem Herzen, zumal diese Sprachschöpfung von einer millionenfach in Deutschland gelesenen Boulevardzeitung stammt, die schon einmal bei uns im Blog kritisch analysiert wurde. Es wirft ein bezeichnendes Bild auf diese Zeitung.

  2. Max 19. November 2011 um 18:58 #

    Ich warte auf die empörten Kommentare mit „das wird man ja noch sagen dürfen!“ Na, wo sind denn die Sarrazin-Fans?

  3. Sebastian Kießling 17. Januar 2012 um 11:02 #

    Nun ist das sprachliche Unbehagen amtlich, Herr Kollege: Unwort des Jahres 2011 „Döner-Morde“!

    http://www.unwortdesjahres.net/fileadmin/unwort/download/pressemitteilung_unwort2011.pdf

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  1. Abspielen des „Paulchen Panther“-Lieds auf Neonazi-Demonstration strafbar? Ja! « WissMit.com - 24. Januar 2012

    […] sogenannten „Zwickauer Zelle“ (zurecht zum Unwort des Jahres gewählt wurde der Begriff „Döner Morde“) zu trauriger Berühmtheit gelangte, abgespielt. Die Süddeutsche Zeitung berichtet, dass dies […]

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