Richterbeeinflussung für Anfänger

12 Mrz

Wie viele afrikanische Mitgliedsstaaten haben die Vereinten Nationen? Das sollten in den 70er Jahren Probanden in einem Experiment schätzen. Während sie überlegten wurde ein Glücksrad gedreht, und das für den Laien verblüffende Ergebnis war, dass die genannten Zahlen höher ausfielen, wenn das Glücksrad eine hohe Zahl anzeigte, als bei einer niedrigen Zahl. Sozialpsychologen nennen dieses Phänomen „Ankereffekt“. Dabei werden bei der Festlegung von Zahlenwerten auch solche äußeren Umstände berücksichtigt, die mit der zu entscheidenden Frage nichts zu tun haben.

Doch besteht dieser Ankereffekt auch im Rahmen der juristischen Urteilsfindung? Die Antwort lautet: ja! Bei einem anderen Experiment bekamen 177 Referendare realistische Verfahrensakten inklusive des Ergebnisses der Beweisaufnahme vorgelegt. Die Probanden sollten sich vorstellen, dass während der Verhandlung entweder ein Freund des Opfers oder des Täters aus dem Zuschauerraum lautstark eine hohe Strafe bzw. einen Freispruch fordert. Die Referendare ließen sich von diesen offensichtlich parteiischen und völlig unsachlichen Forderungen beeinflussen, und entsprechend hielten sie mal höhere und mal niedrigere Strafen für angemessen. Nun werden erfahrene Strafrichter sich hierüber nicht wundern, waren die Referendare – zugegeben – noch „grün hinter den Ohren“. Aber so einfach ist das Ganze nicht.

In einem anderen Experiment wurden nämlich Strafrichtern entsprechende Dokumente vorgelegt, und sie sollten die angemessene Strafe festlegen, wobei sich die Forderungen der Staatsanwaltschaft bezüglich des Strafmaßes unterschieden. Auch hier ergab sich, dass die verhängte Strafe – für die selbe Tat! ‑ im Schnitt deutlich höher ausfiel, wenn der Staatsanwalt eine höhere Strafe forderte. Der Effekt zeigte sich sogar dann, wenn die Forderung der Staatsanwaltschaft vor den Augen der Richter ausgewürfelt wurde.

Zur Beruhigung: Es gab einen Unterschied zwischen jüngeren und erfahreneren Richter: die erfahreneren waren sich sicherer, dass das von ihnen festgesetzte Strafmaß die richtige Höhe hatte…

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5 Antworten to “Richterbeeinflussung für Anfänger”

  1. Hallo 12. März 2012 um 14:07 #

    Quelle???

  2. Fabian Stam 12. März 2012 um 14:13 #

    Gerne: Englich, Zeitschrift für Sozialpsychologie 36 (4), 2005, 215-225

    • Gast 21. März 2012 um 13:06 #

      Die Referendarsbefragung, über die Englich, Zeitschrift für Sozialpsychologie 36 (4), 2005, 215-225 berichtet, beweist nicht mehr und nicht weniger als die Unsicherheit von Rechtsreferendaren bei Strafmaßfragen. Jeder, der mal Referendar war, hätte das der Psychologie-Doktorandin, die diese Studie erstellt hat, auch vorher sagen können.

  3. Nils 12. März 2012 um 16:08 #

    Interessant wäre zu wissen, ob es irgendwo eine Grenze gibt, ab der man sich angesichts der Albernheit nicht mehr beeinflussen lässt, also ob man als StA mehr Erfolg hätte mit der (hohen) Forderung von 10 Monaten für den Ersttäter Diebstahl bei geringer Beute oder noch größeren oder gleich großen mit der völlig absurden Forderung von 4 Jahren.
    Ich habe als Richter in einer Verkehrskammer immer für mich angenommen, dass ich zwar beeinflußbar bin, aber dann nicht mehr, wenn die Schmerzensgeldforderung zu bescheuert hoch wurde.

  4. harrygambler2009 13. März 2012 um 00:51 #

    Noch erschreckender sieht die Lage im Privatrecht aus. Bei den Arbeitsgerichten ist es zum Beispiel Gang und Gebe, dass der DGB im Gerichtegebäude sein Büro hat.
    Wird ein Betriebsrat zum Beispiel mit in einem Mobbing-Prozess verklagt, kann man sich den rest ja denken. Absprachen werden dann so getroffen, dass der Richter die Verhandlung ohne Sicherung der Beweismittel durchführt, auch werden kaum Tonbandprotokolle angefertigt. So kommen dann Sprüche zustande, „nehmen sie das Geld oder sie bekommen nichts“.
    Richter in Arbeitsgerichten herrschen teilwiese wie ein namhafter Anwalt es mal ausdrückte, wie Götter in Schwarz. Wir brauchen aber keine Götter, wir brauchen Verahndlungen, in denen der Richter die Gesetze kennt und seine Aufgaben wahr nimmt, wie zum Beispiel die Unterschrift unter einen Verglecih oder ein Urteil. Alleine die Tatsache der Teilurteile ist ein Skandal für sich, entweder bekomme ich nach einem prozess ein Urteil oder keines. Was soll da geteilt werden? Die Wahrheit oder das Recht eines Klägers etwa? Wir haben ja auch auch kein Teilgrundgesetz oder Teil-BGB.
    Juristen in diesem Land machen sie eigentlich nur noch lächerlich und das beweisen die Tatasachen der „das machen wir selbst Generation“ immer mehr. Recht wird heute wieder per „wild West“ umgesetzt, verantwortlich dafür sind unfähige Richter, Staatsanwälte und Anwälte. Das Gerichtwesen müsste schon längst der EU unterstellt sein, Richter und Schöffen dürften nur von der EU beannt werden. Ein Großer Schritt nach vorne, der irgendwann kommen wird, doch wann, das ist eben für uns zu lange. Schade doch es ist die bittere Wahrheit, wir haben es in 150 Jahren nicht geschafft eine Justitz aufzubauen, die unabhängig ist und nur nach dem Gesetz urteilt.
    MfG
    Harry

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